GESCHICHTE

Marco Simonit und Pierpaolo Sirch

Die alten Rebschneider und Weinbauern von einst wussten genau, wie sie ihre Pflanzen gesund erhalten. In den Weingärten setzten sie sich sorgfältig und bedachtsam mit jedem einzelnen Rebstock auseinander, sahen ihn sich genau an und setzten bedachtsam einen gezielten Schnitt nach dem anderen, Stock für Stock, ohne den sofortigen Ertrag im Kopf, sondern mit dem Ziel im Blick, die Gesundheit und die ausgewogene und langsame Entwicklung ihres kleinen Weingartens zu sichern.

Die selbe Philosophie führt die Hand zweier Experten aus dem Friaul, der Reberzieher Marco Simonit und Pierpaolo Sirch. Sie haben eine alte Methode zu neuem Leben erweckt und nach 20 Jahren der Erprobung begonnen, sie an die Erfordernisse des modernen Weinbaus anzupassen, an die Erziehungssysteme des intensiveren Anbaus mit Drahtrahmen, die Guyoterziehung oder die Kordonerziehung mit Zapfenschnitt. Sie stammen aus jenem Friaul, das sich mit der Qualitätssteigerung des italienischen Weins aktiv beschäftigt, beginnend bei der Entwicklung einer modernen Weingartenbewirtschaftung, die es ermöglicht, gesunde, selektionierte Rebstöcke zu schaffen. Und genau aus diesem Friaul erschallte 1975 mit dem Premio Risit d’aur von Nonino auch der Ruf nach der Rettung der alten autochthonen Rebsorten.

Die neue Methode wurde kürzlich bei etwa vierzig großen italienischen Weingütern eingeführt, an die Simonit&Sirch ihr seit den Ende der 1980er Jahre erprobtes Wissen weitergegeben haben.


Eine neue Philosophie des Rebschnitts


Simonit&Sirch sowie ihr Team – insgesamt 8 Personen – haben eine Schnittmethode definiert, die den Rebstock gesund erhält, seinen Lebenszyklus und seine Produktivität auf zumindest 50 Jahre und somit auf das Doppelte des heutigen Durchschnittsalters verlängert.
Die Methode besteht darin, stets auf jungem Holz zu schneiden, und behutsam gezielte Schnitte zu setzen. Dies bietet zum einen den Vorteil bestimmten Holzkrankheiten vorzubeugen, die sich epidemieartig auf die Weingärten ausgebreitet haben. Zudem wurde eine teils bereits obsolet geglaubte Philosophie der Weingartenarbeit wieder entdeckt, die den alten Reben hohen Wert zuschrieb und so die Qualität des Ertrags erhöhte. Darüber hinaus bedeutet dies auch die Senkung der Bewirtschaftungskosten, da die Weinstöcke nach den Kriterien der präventiven Medizin behandelt werden, wodurch sie gut gedeihen und altern. Und schließlich wird auch ein alter Beruf wieder belebt, der mehr und mehr verloren geht, nämlich der des Rebschneiders. Heute sind die Arbeiter, die in den italienischen Weingärten tätig sind, meist Ausländer und oft angelernt, Personen, die zwar stets gerne arbeiten, oft aber über wenig Vorerfahrung verfügen. Die Erfordernisse des modernen Weinbaus haben zudem zu einem Voranschreiten der Mechanisierung im Weingarten und zu einer intensiven Produktion geführt.

Aus den zwanzig Jahren des Experimentierens der beiden Fachleute aus dem Friaul, die seit 1988 in diesem Feld tätig sind, geht jedoch hervor, dass das Geheimnis der Langlebigkeit eines Weinstocks insbesondere von einem korrekten Rebschnitt abhängt, der die vitalen Teile des Stockes nicht beschädigt. So ist etwa die für den Mittelmeerraum typische Gobeleterziehung ein besonderer Garant für Langlebigkeit, indem sie einen Schnitt hauptsächlich auf jungem Holz zulässt. „Wird auf jungen Trieben geschnitten, so vernarbt die Wunde leichter, und der Stock kann Krankheiten besser abwehren und so gesünder bleiben“, sagt Marco Simonit. „Im Gegensatz dazu hinterlässt ein Schnitt auf altem Holz ab drei Jahren eine Wunde, die die Gefäße der Pflanze beschädigt und gleichzeitig das Eindringen von Holzpilzen erleichtert. Die Hauptschwierigkeit unserer Forschungsarbeiten bestand darin, die alten Schnitttechniken an den modernen Weinbau anzupassen, der eben auf die intensiveren Drahtrahmensysteme wie Guyot- und Kordonerziehung setzt“.

Ihr Projekt wurde mittlerweile auf eine Langzeitstudie in Weingärten fünfer bedeutender italienischer Weinbaugebiete ausgeweitet: Friaul-Julisch-Venetien, Franciacorta, Piemont, Toskana und Sizilien. Bei dieser wissenschaftlichen Arbeit werden sie von zwei Professoren internationalen Ranges unterstützt: Attilio Scienza, Ordinarius für Weinbau und Leiter des Studienzweigs für Weinbau und Önologie an der Universität Mailand, sowie Laura Mugnai, Ordinaria an der Universität Florenz des Studienzweigs Weinbau und Önologie, spezialisiert auf Rebkrankheiten und seit 2002 Vorsitzende und Gründungsmitglied des International Council of Grape Vine Trunk Diseases, dem Forscher aus 22 Weinbauländern angehören. Attilio Scienza wird den physiologischen Aspekt betreuen, während Laura Mugnai für den pathologischen Teil zuständig sein wird.
Professor Scienza schreibt: "Die Integrität und Vitalität der alten Weingärten zu erhalten ist wichtig, nicht nur für die Qualität der Weine, die dort wachsen, oder aus Interesse an der Kulturlandschaft, sondern weil sie eine wichtige Reserve für die Artenvielfalt darstellen".

"Die Integrität und Vitalität der alten Weingärten zu erhalten ist wichtig, nicht nur für die Qualität der Weine, die dort wachsen, oder aus Interesse an der Kulturlandschaft, sondern weil sie eine wichtige Reserve für die Artenvielfalt darstellen".
Prof. Attilio Scienza